08. März – 07. April
Stimmen Sie ab!

Sie entscheiden: Unser Team hat 5 aktuelle Romane ausgewählt. Abstimmung bei der Buchhandlung Riemann am Markt oder digital: info@riemann.de oder facebook.com/coburgliest

Bücher: Alle vorgeschlagenen Bücher sind dort erhältlich und können auch in der Stadtbücherei ausgeliehen werden.

Unsere Vorschläge

Vorschlag 1: IAN McEWAN, KINDESWOHL

Unser Team-Mitglied Heike Walta stellt Ihnen den Roman in diesem Video vor:

Die langjährige Richterin Fiona Maye steht vor einem der schwersten Fälle ihrer Karriere: Sie soll über das Schicksal eines leukämiekranken Jungen entscheiden, der dringend Bluttransfusionen benötigt, sie jedoch aus religiösen Gründen nicht erhalten kann. Seine Familie gehört zu den Zeugen Jehovas, und der Erhalt von fremdem Blut ist dort verboten. Da der Junge noch nicht volljährig ist, wäre es für Fiona ein Leichtes, für das Wohl des Kindes zu entscheiden. Die englische Rechtsprechung schützt aber nicht nur das Wohl eines Kindes, sondern auch die Freiheit der Religionsausübung.
Fiona befindet sich in einem Dilemma, zumal der Junge selbst sich weigert, Blut zu erhalten, obwohl das seinen sicheren Tod bedeuten würde. Eine Bluttransfusion andererseits würde den Ausschluss aus der Gemeinde nach sich ziehen.

Ein kleiner Roman mit großer Wucht, kenntnisreich, engagiert und immer mit Verständnis für beide Seiten und der einmal
mehr beweist, dass das Leben nicht nur Schwarz und Weiß kennt.

„Der Autor lotet die Grenzen zwischen juristischer Professionalität und menschlicher Schwäche, zwischen Recht und Gerechtigkeit sowie Glaube und Vernunft in vielen Verästelungen aus. Das verleiht dem eher kurzen Buch die Tiefe eines großen Romans.“ Thomas Hermann, Neue Zürcher Zeitung

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Vorschlag 2: KATJA LANGE-MÜLLER; DREHTÜR

Unser Team-Mitglied Prof. Dr. Christian Holtorf stellt Ihnen den Roman in diesem Video vor:

Die Berliner Krankenschwester Asta Arnold hat mehr als zwei Jahrzehnte für Hilfsorganisationen im Ausland gearbeitet. Nun ist sie von ihrem letzten Arbeitsplatz zurückgekehrt, steht rauchend an einer Drehtür am Münchner Flughafen und erinnert sich an Begegnungen aus ihrem Leben.

So lapidar die Rahmengeschichte ist, so lebensklug sind die einzelnen Episoden. Katja Lange-Müller berichtet mitten aus dem Leben. So begegnet Asta eines Nachts dem Koch der nordvietnamesischen Botschaft in Ostberlin, der vor Zahnschmerzen nicht mehr weiter weiß. Ein andermal kümmert sie sich in einer tunesischen Hotelanlage um eine streunende Katze mit ihren sechs Jungen. Während Asta an der Drehtür steht, spricht sie kein Wort, sondern hört einer inneren Stimme zu. Sie hadert mit der deutschen Muttersprache, die ihr fremd geworden ist. Dabei lässt Lange-Müller Denken und Sprechen in eine Art Dialog treten und überlegt, ob wir eine Sprache eigentlich jemals kennen können.

„Jede Episode […] besitzt die Handschrift der warmherzigen, vor Gescheitheit sprühenden Vitalität, die Katja Lange-Müller so schnell niemand nachmacht.“ Die Zeit

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Vorschlag 3: MAX PORTER, LANNY

Unser Team-Mitglied Norbert Berger stellt Ihnen den Roman in diesem Video vor:

Max Porters Roman „Lanny“ erzählt von dem kleinen, hypersensiblen Außenseiter Lanny, der in einem Dorf bei London am liebsten im Wald mit den Rehen herumstreunt, nachts mit den Wurzeln einer Eiche redet, bei dem 80-jährigen kauzigen Künstler Pete das Zeichnen lernt und plötzlich eines Tages spurlos verschwindet. Die Suche nach ihm wird im Wechsel aus der Sicht seiner Mutter, seines Vaters, des alten Pete und des sagenumwobenen Waldwesens Schuppenwurz erzählt, das allgegenwärtig dem Dorftratsch lauscht und die eigentliche Handlung bis zum unerwartet traumhaften Schluss ständig in Frage stellt. Lannys Verschwinden führt in der Dorfgemeinschaft zu allerlei Beschuldigungen und löst Betroffenheit und Sorge, aber auch Neid, Hohn und Hass aus.

Der Roman entzückt seine Leser auch durch seine formale Experimentierfreude, die mitunter an konkrete Poesie erinnert: Wörter fliegen zum Teil kreuz und quer über die Seiten, die Sätze schlingen sich in großen Bögen über die Seiten, isoliert stehende Buchstaben schlagen Purzelbäume. Die Leser tauchen ein in eine faszinierende, aber auch verstörende Romanwelt zwischen Traum und Realität, in der ganz nebenbei auch aktuelle Themen wie Klimaschutz, Generationenkonflikt, Vorurteile gegenüber Minderheiten und Zerstörung der Natur angerissen werden.

„Porter erfindet das Erzählrad nicht neu, dreht aber kräftig daran.“ Bernhard Blöchl, Süddeutsche Zeitung

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Vorschlag 4: SASA STANISIC, HERKUNFT

Unser Team-Mitglied Birgit Lang stellt Ihnen den Roman in diesem Video vor:

Saša Stanišić (1978 geboren im ehemaligen Jugoslawien) erkundet in seinem teilweise autobiographischen Roman „Herkunft“ seine bosnisch-serbische Familiengeschichte und stellt Fragen nach Identität und Heimat. Die Besuche bei der mittlerweile dementen Oma werden für den Ich-Erzähler zu einer Expedition in die eigene Vergangenheit und der Suche nach seiner Herkunft. Während die Erinnerungsfähigkeit der Großmutter schwindet, tauchen beim Autor zunehmend Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend auf. Da ploppen wieder und wieder erzählte Familienanekdoten aus dem Bergdorf der Großeltern ebenso auf wie Pionierschwüre und Fußballfangefühle für „Roter Stern“ im Jugoslawien der 80er Jahre. Dem Krieg entflohen folgt in den 90er Jahren nun eine Jugend in der baden-württembergischen Provinz als „Jugo“ (Saša Stanišić). Prägende Orte, Menschen und Geschehnisse werden dabei so leichtgängig geschildert, als würde der Autor uns Leserinnen und Leser direkt ansprechen, mit uns plaudern. Das fühlt sich beinahe wie gemeinsames Erinnern an.

Liebevoll, fein und mit Augenzwinkern beschreibt Saša Stanišić die Menschen in seinem Roman und verwebt biographische Fakten mit erzählerischer Freude und Freiheit. Bei aller Leichtigkeit werden dabei auch schwere Themen wie ethnische Säuberungen, verletzender Alltagsrassismus in deutschen Institutionen und Köpfen und oft vergebliche Integrationsbemühungen wie beiläufig und dennoch eindrücklich mitverhandelt.

Ein Buch, das man „nicht nur lesen, sondern eigentlich adoptieren möchte“ (Dirk Knipphals, taz) und das 2019 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde.

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Vorschlag 5: JACKIE THOMAE, BRÜDER

Unser Team-Mitglied Martina Riegert stellt Ihnen den Roman in diesem Video vor:

Jackie Thomae, geboren 1972 in Halle, aufgewachsen in Leipzig und Berlin, arbeitet als Journalistin und Fernsehautorin. Mit ihrem zweiten Roman „Brüder“ stand sie auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2019 und wurde mit dem Düsseldorfer Literaturpreis 2020 ausgezeichnet. Sie lebt in Berlin.

Der Roman erzählt die Geschichte der beiden Halbbrüder Mick und Gabriel, beide im Jahr 1970 geboren. Der gemeinsame Vater ist Idris, ein senegalesischer Student, der Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre in der DDR studiert hat. Alles, was er seinen Söhnen hinterlässt ist seine dunkle Hautfarbe. Mick verbringt seine Kindheit in Ostberlin, siedelt dann aber mit seiner Mutter Monika nach Westberlin über. Hier lebt er in den Tag hinein, Drogen und Partys sind ihm wichtiger als eine berufliche Perspektive. Nach der Wende wird er Clubbesitzer und lernt Delia kennen, mit der er nach Pankow zieht, die er aber nie richtig an sich heranlässt und immer wieder betrügt. Sein Halbbruder Gabriel, im selben Jahr in Leipzig geboren, wächst bei den Großeltern auf und nimmt einen völlig anderen Weg. Sehr zielstrebig verfolgt er seine Karriereziele. Sein Leben liest sich wie ein Gewinnermärchen – bis auch er tief fällt …

Jackie Thomae ist ein sehr unterhaltsamer und spannend erzählter Roman über zwei Halbbrüder gelungen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Sie erzählt tiefgründig ein Stück deutscher Zeitgeschichte und beleuchtet Szenen und Alltagsabenteuer mit Witz und Ironie.

„Eine bestechend intelligente Prosa, die erklärt, wie wir heute leben. […] Eine solche soziologische Intelligenz gibt es selten in der deutschen Prosa.“ Denis Scheck, SWR

Folgende Titel stehen zur Auswahl:

Ian McEwan, Kindeswohl
Katja Lange-Müller, Drehtür
Max Porter, Lanny
Sasa Stanisic, Herkunft
Jackie Thomae, Brüder