Von künstlicher Intelligenz bis zum politischen Diskurs
Themenvielfalt bei Coburg liest! 2018

Ein breites Themenspektrum, das von Chancen und Risiken der künstlichen Intelligenz über politische Streitgespräche bis hin zu in Romanen verarbeiteten Selbstfindungsprozessen reichte, bestimmte das Programm der Coburger Literaturtage 2017. Sie fanden unter dem Namen „Coburg liest!“ vom 25. bis zum 29. April 2017 bereits zum 14. Mal statt. Auch das Projekt „Literatur in den Häusern unserer Stadt“ des Landestheaters Coburg stand wieder auf dem Programm. Das Landestheater zählte damit erneut neben dem Coburger Literaturkreis, der Volkshochschule Coburg und der Buchhandlung Riemann zu den Veranstaltern der Literaturtage. Neu als Kooperationspartner: die Hochschule Coburg, die ihre Aula für eine Veranstaltung zur Verfügung stellte. 

Der zeitliche Ablauf der Coburger Literaturtage 2017 unterschied sich von den Abläufen in den Jahren davor: Terminzwänge führen dazu, dass der Roman-Marathon,  traditioneller Auftakt von „Coburg liest!“, diesmal den Abschluss bildete. Stattdessen begannen die Literaturtage mit dem „Extra“ des Landestheaters, das 2017 bereits zum zehnten Mal geboten wurde: „Literatur in den Häusern unserer Stadt“. Coburger Bürgerinnen und Bürger öffneten wieder ihre Häuser und Wohnungen und wurden für einen Abend zu Gastgebern für Lesungen im kleinen und intimen Kreis. Diese Lesungen wurden wie gewohnt von Ensemblemitgliedern des Landestheaters bestritten, die die Zuschauer so in privater Atmosphäre fernab der Bühne kennenlernen konnten. Die etwa einstündigen Lesungen begannen um 20 Uhr, zum gemeinsamen Ausklang und zum Austausch über das Erlebte stand ab 21 Uhr der Große Saal im Münchner Hofbräu zur Verfügung.

„Smarte Maschinen“, so der Titel des Buchs, standen am Mittwoch, den 26. April im Mittelpunkt einer Lesung mit dem Physiker und Zukunftsforscher Dr. Ulrich Eberl, einem der renommiertesten deutschen Wissenschafts­ und Technikjournalisten. Eberl informierte über den aktuellen Stand der Forschung auf dem Gebiet der Robotik und künstlichen Intelligenz und berichtete über Maschinen, die nicht nur Autos fahren, kochen, malen, musizieren, reparieren oder ärztliche Diagnosen stellen können, sondern sogar denken und untereinander debattieren. Auch seinen eigenen Roboter stellte Eberl vor – dieser traf dann mit einem Kollegen, dem Lego­Roboter der anwesenden Robotik­AG des Gymnasiums Ernestinum zusammen. Für letzteren war dies ein Heimspiel, denn die Veranstaltung fand in der Mensa des  Ernestinums statt.

Für die Autoren-Gala am Donnerstag, den 27. April im Pfarrzentrum St. Augustin konnten die Veranstalter den Schweizer Schriftsteller Peter Stamm gewinnen. Der vielfach ausgezeichnete Autor las zum einen aus seinem neuesten Roman „Weit über das Land“, in dem ein durchschnittlicher Familienvater urplötzlich wort­ und scheinbar grundlos Frau und Kinder verlässt und mittellos durch einsame Gegenden und kleine Bergdörfer der Alpen streift. Seine Spannung bezieht der Roman aus dem ständigen Wechsel zwischen der Perspektive des flüchtenden Mannes und seiner ratlosen Frau, die die neue Situation zunächst verheimlicht und sich dann allmählich damit arrangiert.

Darüber hinaus las Stamm aus einem früheren Roman,  „Ungefähre Landschaft“. Auch darin geht es um das Verlassen-werden: Eine Frau, Kathrin, mit Kind verlässt ihren Mann.

Ein neues Format an einem neuen Ort bot „Coburg liest!“ am Freitag, den 28. April: In der Brose-Aula der Hochschule Coburg trafen sich die beiden Journalisten Jakob Augstein und Nikolaus Blome zum politischen Streitgespräch. Deren Motto: „Gibt es zu wenig Streit, schläft die Demokratie ein.  Gibt es zu viel, zerreißt sie.“ Und: „Immer öfter wird der Streit zum Hass.“ Dem setzen Augstein und Blome, links der eine,  liberalkonservativ der andere, seit 2011 ihr wöchentliches Streitgespräch über ein aktuelles Thema  auf Phoenix, dem Ereigniskanal von ARD und ZDF, entgegen. Jetzt haben sie 30 Streitgespräche zu den Themen, die Deutschland bewegen, in Buchform gepasst: „Links oder rechts?“, so der Titel, und daraus lasen die beiden. Aber nicht nur: Sie setzten sich auch mit dem aktuellen Tagesgeschehen auseinander.

Den abschließenden Roman-Marathon in der Reithalle bestritten am Samstag, den 29. April Paula Fürstenberg, Klaus Böldl und Rasha Khayat.

Zunächst stellte Paula Fürstenberg ihren Debütroman „Familie der geflügelten Tiger“ vor. Die Hauptfigur Johanna wird darin plötzlich mit Fragen nach weißen Flecken in der eigenen Biographie konfrontiert. Sie wuchs bei ihrer Mutter in der Uckermark auf, nachdem ihr Vater noch zu DDR-Zeiten in den Westen verschwunden war. Nach dem Abitur wird Johanna in Berlin Straßenbahnfahrerin und erhält plötzlich einen Anruf ihres krebskranken Vaters. Das Treffen mit ihm, ihrer Halbschwester und ihrer Oma veranlasst sie nachzuforschen, über ihre Familie und über ein Land, in dem sie geboren wurde, das es jetzt aber nicht mehr gibt.

Klaus Böldl stellte danach seinen Roman „Der Atem der Vögel“ vor, der auf den Färöer Inseln spielt. Dort lebt Philipp, die Hauptfigur des Romans, ein Deutscher Mitte 30, Einzelgänger, der seine Tage mit ausgedehnten Spaziergängen verbringt. Als seine Lebensgefährtin Johanna und ihre Tochterauf eine Reise gehen, macht sich auch Philipp auf den Weg. Er beginnt eine Wanderung über die Inseln, die ihn immer tiefer in die Natur führt – und immer näher zu sich selbst. Böldl wurde 1964 in Passau geboren. Für sein Werk wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet.

Danach las Rasha Khayat, 1978 in Dortmund geboren, in Saudi-Arabien aufgewachsen und 1988 mit der Familie nach Deutschland zurückgekehrt, aus ihrem Roman „Weil wir längst woanders sind“. Sie erzählt darin von Layla, die beschließt, Deutschland zu verlassen und einen Mann in der alten Heimat Saudi­Arabien zu heiraten, und Laylas Bruder Basil, der ihr nachreist und der Frage nachgeht, was Layla ­ eine nicht religiöse, freiheitsliebende junge Frau – dazu treibt, in einem Land leben zu wollen, in dem Frauen alles andere als frei sind.