Coburger Literaturtage 2010:

      Der kurze Weg zum langen Aufbruch

  Neue Bücher, kurz aufgeblättert

„Ach, hätte ich doch mehr Zeit“! Wer wünschte sich das nicht? Zum Glück gibt es Zauberteppiche, sprich: Bücher, die uns davontragen und unser Zeiterleben ausdehnen.

Manche Bücher entführen uns schon beim Aufblättern – mit Sätzen, die den Leser wie mit einem magischen Stab berühren. Sätze vom Aufbruch und vom Reisen: Grundmotive des Erzählens, Auslöser der Fantasie. Allerdings: Je moderner, desto nüchterner: „Aber Jakob ist immer quer über die Gleise gegangen.“ (U. Johnson, Mutmaßungen über Jakob)

Aufbruch – Reise – Übergang. In Kathrin Gerlofs Roman Alle Welt braucht es nur einen Satz – und man ist buchstäblich in die Welt gefallen:
Svenja landet auf dem Fußboden. Die Fallhöhe beträgt nur dreißig Zentimeter, und verglichen mit den Anstrengungen der letzten Stunden ist dieser Sturz ein lächerlicher kleiner Schmerz. Außerdem sind alle Knochen weich und biegsam. Svenja ist gerade zehn Sekunden alt.

Der staunenswerteste und elementarste Übergang: der Eintritt ins Leben. Das Wort „Fallhöhe“ ist freilich ein mehrdeutiges Vorzeichen. Schließlich gehört zu Gerlofs Roman auch das Altwerden, was Aufschwünge natürlich nicht ausschließt. Man darf gespannt sein, was sie beim Coburger „Roman-Marathon“ in der Reithalle lesen wird.

Einen Aufbruch finden wir ebenfalls am Anfang von Ulrike Kolbs Roman „Yoram“:
Ich saß in einer Art Vogelleib, Federn flatterten nahe meinem Gesicht, so jagte ich in abnehmender Höhe über eine Stadt hinweg.

Das ist natürlich nur ein Traum. In der Realität sitzt die Protagonistin in einem Flugzeug mit Kurs auf Tel Aviv. Doch weist die „abnehmende Höhe“ nur auf den Landeanflug voraus oder kündigt der Traum eine „absteigende Tendenz“ im übertragenen Sinn an? Möglich wäre es, denn die berührende deutsch-jüdische Liebesgeschichte, die Kolb erzählt, droht immer wieder von der Geschichte eingeholt zu werden.

Ist das Reise- und Aufbruchsmotiv oft Motor für die innere Erfahrungswelt des Helden, so hat es in Ursula Krechels Roman Shanghai fern von wo eine sehr konkrete Bedeutung: Es geht um jüdische Emigranten, die eine der letzten Städte ansteuern, das noch Flüchtlinge aufnimmt. Im Zuge ihrer Recherchen zu diesem umfangreichen Roman reiste die Autorin vor Ort:
Ich war nach Shanghai gekommen auf der Suche nach Spuren der knapp zwanzigtausend jüdischen Flüchtlinge, die sich vor dem Nationalsozialismus hierher gerettet hatten. Sie waren mit dem , Schiff aus Triest gekommen, später, als keine Schiffe mehr fuhren, auf dem Landweg über Moskau und Wladiwostok.(In: Marbacher Magazin 74/1996)

Die drastischen Schicksale dieser Emigranten werden im Breitwandformat erzählt, wobei einer Fülle von interessanten Charakteren ein literarisches Denkmal gesetzt wird. Für die reisende Schriftstellerin hat die Fremde indes einen besonderen Reiz:
Vom Schreibort Shanghai ist zu berichten, daß es schön war, großräumig verloren zu sein in einer Schrift, die ich nicht lesen konnte, unter Menschen zu sein, deren Lebensnotwendigkeiten Lichtjahre, Kontinente von meiner Verschriftlichung entfernt waren. Ich hatte mich in der Unlesbarkeit ausgesetzt. (Ebd.)

Vielleicht haben Literaten tatsächlich eine Affinität zum Reisen – handelten doch schon die frühesten Epen der Welt vom Unterwegssein. Von einer modernen Odyssee handelt jedenfalls Ursula Krechels großartiger Roman.

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Auch Gedichte sind oftmals ein Ausdruck einer (inneren und äußeren) Bewegung. „Einfälle“, so schreibt der Lyriker Norbert Hummelt in dem Buch Wie Gedichte entstehen, kommen mir „nie am Schreibtisch, sondern unterwegs.“ Daraus wird ein lyrisches Motiv; man sieht es schon an Titeln wie transit, fremde, hof in palermo aus dem Band Stille Quellen. Die Sammlung Totentanz enthält Gedichte wie Reise, Himmelfahrt oder auch übergang:
in den kastanien arbeitet der wind. Ich ging in dieser allee als kind.

So versetzt sich das Ich mit einem Satz zurück. Mit der Flüchtigkeit des Windes benennt es seine eigene. Die Grundstimmung ist eher negativ, doch innerhalb der poetischen Welt gewinnt die Zeit eine ungewöhnliche, sonst kaum erfahrbare Tiefe. Das wird Norbert Hummelt – im Gespräch mit seinem Verleger und Ko-Autor Siblewski – im „Lyrischen Salon“ von „Coburg liest“ sicherlich im Detail vorführen. Gleich im ersten Kapitel lässt er uns wissen, dass er als Zwölfjähriger den Anfang einer Reiseerzählung im Stil von Karl May zu Papier brachte: Wer schon einmal droben in Montana gewesen ist, kennt auch den Yellowstone-River.

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Wer über Grenzüberschreitungen im Werk von Martin Mosebach sprechen wollte, müsste wahrlich weit ausholen. Es ist ja fast ein Allerweltsmotiv in der Literatur, was schon der russische Literaturtheoretiker Jurij Lotmann festgestellt hat: Ein Roman-Ereignis ist die Verschiebung einer Figur in ein anderes Bedeutungsfeld. Bei Mosebach ist es der allwissende Erzähler, der diese Verschiebung mit Bedacht und Voraussicht vornimmt und damit die ganze Figurenkonstellation in Bewegung bringt. Von einem „Aufbruch“ ist gleich am Anfang des Romans Westend die Rede; er macht Verwerfungen im gutbürgerlichen Milieu der Frankfurter Gesellschaft sichtbar. Ähnlich das Buch Der Mond und das Mädchen, das mit einer bedeutsamen Ortsveränderung einsetzt:
Der junge Mann, der auf dem Fahrrad durch die Straßen der ihm noch fremden Stadt Frankfurt fuhr, hatte ein paar Tage zuvor geheiratet und hielt Ausschau nach der ersten Wohnung, die er mit seiner Frau gemeinsam bewohnen würde.

Der Abstand zwischen den kulturellen Lebenswelten kann im Frankfurter Multi-Kulti-Milieu recht diskret ausfallen. So gerät das junge Ehepaar in Verwicklungen, die ganz von fern an Tausendundeine Nacht erinnern.

In die geografische und historische Ferne führt Mosebach mit seinem Roman Der Nebelfürst. Markant ist der erste Satz:
Ein paar Schritte aus der kleinen Familienwelt heraus, und man war so weit weg, als sei man ausgewandert. Auswandern, das war ein schöner Plan.

Der Roman erzählt eine bizarre Geschichte, die sich um 1900 tatsächlich ereignete. Mosebach taucht in die in spätkoloniale Zeit ein und leuchtet sie aus wie einen Schacht, der stets neue, überraschende Wendungen nimmt. Eine herrenlose Insel in der Arktis wird zum Zerrspiegel, in dem man das europäische Machtspiel wiedererkennt.

Gleich zwei Ortsveränderungen vollzieht der Roman Das Beben. Zuerst nehmen wir an einer Fahrt in die Höhe teil:
Der Aufzug führte vom Parterre unmittelbar in den siebten Stock. Als die Schiebetür sich öffnete, umgab mich Licht aus großen Fensterscheiben, das von allen Seiten im Überfluß herabfiel. In dieser Raumlosigkeit hatte der Ankömmling das Gefühl, in den Himmel oder jedenfalls auf ein schwindelnd hohes, im Winde schwankendes Aluminiumgerüst hinaufgeschossen zu sein.

In diesem hoch gelegenen Architekturbüro ereignet sich – natürlich – eine Liebesgeschichte, die keinen glücklichen Verlauf nimmt; der verliebte Mann sieht sich zur Flucht nach Indien veranlasst. Zweites Erfahrungsfeld:
Ich hatte nicht damit gerechnet, so schnell einer heiligen Kuh zu begegnen. Als habe sie es gewußt, erwartete sie mich gleich am Flughafen von Udaipur. Ich trat aus dem niedrigen Gebäude …

Das Seitenstück zu solchen romanhaften Grenzüberschreitungen sind Martin Mosebachs Reiseberichte, denn hier gerät die fremdkulturelle Realität direkt in den Blick. Dies gilt besonders für sein letztes Reisebuch: Stadt der wilden Hunde. Nachrichten aus dem alltäglichen Indien. Der Autor wird daraus in Coburg lesen.

Beim Blättern in all diesen Büchern kann man leicht alle Zeit vergessen. Und sich wie auf einem Zauberteppich fühlen.

Dr. Reinhard Heinritz, „Coburg liest“

Programm

Ein spannendes und vielseitiges Programm bietet

„Coburg liest!“ 2012.

Details finden Sie hier >>>>




Programm

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